Ledersattel einfahren – Ein Erfahrungsbericht

Ich habe lange überlegt, ob ich mir wirklich einen Ledersattel kaufen soll. Kann der wirklich so bequem werden, wie alle sagen? Ist das Ledersattel Einfahren wirklich so hart und schmerzhaft? Komme ich auch auf Dauer mit dem Sattel klar? Zu allem Überfluss war ich das ganze Jahr vorher kaum Fahrrad gefahren und mein Sitzfleisch entsprechend untrainiert. Ich habe viele Foren durchforstet und Kommentare gelesen bis ich mich dazu entschlossen habe es einfach zu probieren. Um euch die Entscheidung zu erleichtern, habe ich diesen Erfahrungsbericht geschrieben. Eins sei gleich vorweggenommen: Ich habe meinen Kauf nie bereut!

Ledersattel einfahren

Einen Ledersattel einfahren – die ersten 1000km in Etappen

Km 0 – Den Sattel auspacken

Eins muss man Brooks ja lassen, das Auspacken eines neuen Sattels macht fast genauso viel Spaß wie bei Apple Produkten. Der erste Eindruck des neuen Sattels (in meinem Fall der Brooks B17 in schwarz) ist absolut hochwertig. Man merkt gleich, dass man ein solides Stück Handarbeit in Händen hält. Auch fällt auf wie dick und entsprechend hart das Leder ist. Klopft man mit dem Fingernagel auf den Sattel, hört man ein recht helles, hartes Klacken oder Klicken.

In vielen Foren habe ich Folgendes gelesen: Wenn der Sattel sich von Anfang an völlig unbequem anfühlt, wird das auch nach 1000km nicht besser. Dann passt einfach die Form nicht zum Hintern. Daher habe ich den neuen Sattel, ohne ihn zu fetten, erstmal ganz vorsichtig (um das Gestänge nicht zu verkratzen) auf mein Fahrrad geschraubt und Höhe sowie Winkel nachjustiert. Dadurch konnte ich auch gleich eine weitere Sorge ausräumen: Ja, der Sattel passt nicht nur optisch zu meinem (recht modernen) Trekkingfahrrad, er sieht dazu auch noch echt geil aus!

Km 1 – Kurze, erste Testfahrt

Die erste Fahrt mit dem ungefetteten Sattel führte mich nur einmal um den Block. Ich wollte nur das erste Gefühl feststellen. Passt die From des Sattels zu meinem Hintern und zu meiner Sitzposition auf dem Rad? Wie fühlt er sich an?

Was direkt aufgefallen ist: Der Sattel fühlt sich, aufgrund der glatten Oberfläche, ungewohnt rutschig an. Allerdings hatte ich nicht das Gefühl, herunter zu rutschen. Auch merkt man direkt, dass man mehr auf seinen Sitzknochen sitzt, als bei den dick gepolsterten Gelsätteln. Ja, man spürt seine Sitzknochen. Aber ebenso war direkt klar, das die grundsätzliche Form des Brooks B17 für meinen Hintern und meine Sitzposition (leicht nach vorne gebeugt) sehr gut funktioniert. Ich konnte bereits erahnen, dass der Sattel – wenn er denn erstmal weich ist und Mulden für meine Sitzknochen gebildet hat – wirklich sehr bequem sein wird.

Ich hatte also ein gutes Gefühl und beschloss, den Sattel zu behalten. Also schraubte ich ihn wieder vom Fahrrad um ihn einzufetten.

Km 1 – Das Einfetten

Brooks eingefettet

Das erste Einfetten

Fürs Einfetten gibt es viele verschiedene Möglichkeiten, die hier und da im Internet kursieren. Es scheint (wie im Netz ja so üblich), als ob jeder seine eigene Meinung dazu hat und gleichzeitig alles andere für Quatsch hält. Ich habe die verschiedenen Methoden einen Ledersattel einzufetten für euch zusammengetragen.

Zunächst habe ich Fett und Sattel etwas auf die Heizung gelegt, damit beide geschmeidig werden (alternativ einfach in die Sonne legen). Dann habe ich den Sattel dick von unten mit Fett eingeschmiert und die Oberfläche mit nur ganz wenig Fett poliert. Dann den gefetteten Sattel zurück auf die Heizung, so zieht das Fett schneller ein. Aufpassen, dass der Sattel zwar schön warm, aber nicht heiß wird. Gegebenenfalls kann man, nach ein paar Stunden, von unten nochmal etwas nachfetten.

Man merkt gleich wie willig der Ledersattel das ganze Fett aufsaugt und auch schon etwas weicher wird. Auch der Klang beim Draufklopfen ist nicht mehr so hell und hart.

Km 35 – Die erste Tour

Nachdem ich den Sattel den Abend über auf der Heizung hatte, habe ich ihn am nächsten Tag gleich wieder auf das Fahrrad geschraubt. Ich wollte ja endlich wirklich wissen wie es ist, mit meinem untrainierten Hintern auf dem harten Ding zu sitzen. Also Sattel rauf aufs Fahrrad, justieren und ab in die Frühlingssonne. Im Spessart ging es 35km Hügel rauf und runter (mitsamt einer kleinen aber obligatorischen Pause im Biergarten).

Zunächst ging es natürlich ganz ohne Probleme. Nach ein paar Kilometern (vor allem Bergauf) hatte ich den Sattel nochmal ein wenig nachjustiert und durchgehend habe ich gemerkt: Aha, ich sitze auf meinen Sitzknochen. Nach ca. 25 km kam die Pause im Biergarten und ich muss sagen, es war schön auch mal auf einer Bank zu sitzen, aber ich hätte durchaus auch noch auf meinem Ledersattel sitzen bleiben können. Nach einer halben Stunde ging es wieder rauf aufs Rad und die ersten paar Minuten habe ich mein Sitzfleisch etwas gemerkt, erstmal eingesessen waren die letzten 10km aber kein Problem und ich hätte auch noch locker weitere 10 dranhängen können.

Abschließen kann ich sagen, dass ich meine Sitzknochen deutlich spürte, aber keine wirklichen Schmerzen oder gar blaue Flecke hatte. Da dies ohnehin meine erste Tour über 20km seit mehr als einem Jahr war, bin ich mir sicher, dass hier auch meine Untrainiertheit zum Tragen gekommen ist. Insgesamt blieb aber das Gefühl, dass dieser Sattel gut passt und mit Sicherheit einmal sehr bequem werden wird. Man könnte meinen, er wäre sogar schon etwas weicher geworden. 😉

Km 40 – Der nächste Tag

Das war ja klar! Am nächsten Tag habe ich beim Aufsitzen dann doch deutlich gemerkt, dass ich am Tag vorher meinem Hintern Ungewohntes zugemutet habe. Dennoch bin ich eine kurze Strecke zum Einkaufen gefahren. Nach wenigen Minuten war das Sitzen auch kein Problem mehr. Dennoch hätte ich an diesem Tag keine sehr lange Tour fahren wollen.

Km 60 – Arbeitsweg

Tags darauf bin ich mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren (10km einfach). Der Hinweg war gar kein Problem, am dem Rückweg habe ich meinen Hintern leicht gespürt – sagen wir, ich war mir bewusst, dass ich sitze. Außerdem konnte ich einmal mehr spüren, dass der Sattel wieder etwas bequemer geworden ist.

Km 80 – Arbeitsweg 2

Brooks B17 nach 100km

Der Sattel nach 100km

Das gleiche Spiel am folgenden Tag, diesmal konnte ich aber mein Sitzfleisch deutlicher spüren, auch schon auf dem Hinweg. Dennoch ließ sich alles Aussitzen und nach kurzer „Eingewöhnung“ war es dann auch kein Problem mehr. Abends habe ich nochmal minimal den Sattel nachjustiert. Der Ledersattel scheint einen zum akkuraten Sitzen in der richtigen Position zu erziehen. Minimale Korrekturen in Höhe und Winkel wirken dabei wirklich Wunder. Auch muss man bedenken, dass man immer „tiefer“ sitzt, je weicher der Sattel wird. Und ja, man merkt 2mm Höhenunterschied.

Km 100 – Arbeitsweg 3

Wieder das gleiche Spiel wie am Tag zuvor. Man merkt, dass der Sattel bequemer wird, gleichzeitig spürt man aber deutlich dass man nun 5 Tage in Folge auf einem neuen Sattel sitzt. Das Sitzfleisch wird empfindlich und ist am Abend auch deutlich zu ertasten. Daher habe ich die nächsten drei Tage erstmal Pause eingelegt. Aber ich finde, man sieht dem Sattel das Einfahren schon ein wenig an.

Km 200 – Weitere Arbeitswege und das große Oho!

Nach dem Wochenende schien mein Sitzfleisch abgeheilt. Also hieß es gleich wieder rauf auf den Sattel und zu meiner Überraschung vermeldete mein Hinter ein großes „Oho, fühlt sich gut an!„. Und wirklich wahr: Das Fahren war nach dem Abheilen der Sitzknochen wie verwandelt. Der Sattel fühlt sich richtig gut an, auch die Sitzposition ist nun klar und perfekt abgestimmt. Vorher musst ich immer ein wenig „suchen“. Den Rest der Woche habe ich meine Arbeitswege ohne Probleme, und ohne meine Knochen auch nur im geringsten zu spüren, hinter mich gebracht. Jetzt erlebe auch ich, was so viele Ledersattel-Fahrer sagen: Der Sattel wird von Kilometer zu Kilometer besser!

Km 300 – Weitere Kurzstrecken

Eigentlich wollte ich unbedingt eine längere Tour machen, kam aber leider zeitlich nicht dazu. So blieb es bei weiteren 100km Arbeitsweg in 10 km Einheiten. Sitzen und Fahren war auch nach fünf Tagen in Folge mehr als angenehm. Der Sattel wird immer weicher und bequemer. Eine gute Voraussetzung für den folgenden Radurlaub.

Km 1000 – Die lange Tour

Brooks B17 nach 1000km

Mein Brooks B17 nach 1000km

Jetzt ging’s in den Urlaub! 10 Tage Provence und Cote D’Azur mit den Rädern und vollem Gepäck, also inklusive Zelt, Schlafsäcken und Kocher. Wir sind eine 700 km Tour von Avignon nach Osten durch die Provence und anschließend die Küste entlang zurück bis Marseille gefahren. Die Tagesetappen lagen immer zwischen 50 und 110km und der Sattel hatte mich nicht enttäuscht!

Natürlich habe ich nach langen Tagen mein Gesäß gespürt aber weiterfahren am nächsten Tag war nie ein Problem. Wirklich gespürt habe ich meinen Hintern eigentlich nur bei langen bergauf Passagen (>7km). Kurzes aufstehen hat dabei aber immer sofort für Entspannung gesorgt. Meine Freundin kam zwar mit ihrem Gelsattel auch ganz gut zurecht, hatte aber Abends häufiger, und auch lange nach dem Absteigen noch einen tauben Hintern. Mir hingegen sind zum ersten Mal in meinem Leben auf einer längeren Tour nicht die Geschlechtsteile eingeschlafen. Es war wie Wandern mit einem gut eingelaufenen Schuh: Immer noch anstrengend aber Schmerz- und Blasenfrei. Und der Sattel ist jetzt wirklich „butterweich“!

Fazit:

Rückblickend kann ich nur sagen, dass das Ledersattel Einfahren überhaupt nicht schlimm war. Die meisten „Schmerzen“ schreibe ich dabei meinem absolut untrainierten Hintern zu. Ich denke, wenn man die ersten 100 – 200km in kurze Etappen splittet und eventuell innerhalb der ersten Tagen lieber einen Tag Pause zu viel macht, kann das Einbrechen sogar ganz ohne Probleme von sich gehen. Eine weitere Anmerkung zum Schluss: Mein Sattel hat während der ganzen Zeit nie abgefärbt.

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Commenting area

  1. Hallo,
    fährst du den Ledersattel mit bestimmten Hosen?
    LG

    • Hallo Zauberfuss,

      auf langen Strecken trage ich Radlerhosen. Ich benutze das Rad aber auch ganz normal im Alltag mit der Hose, die ich gerade anhabe.

      LG

      Sebastian

  2. Hallo Sebastian

    wie Du richtig gesagt hast, gibt es 100 Tips und jeder glaubt, alles Andere sei falsch.

    Ich glaube, jeder darf seinen Arsch solange quälen, wie er gerne möchte. Ich habe bisher 5 Brooks Sättel eingefahren. Alles waren Team Professional, also noch ein wenig härter, als der von Dir beschriebene B-17.

    Meinen letzten Sattel habe ich vor ein paar Wochen eingefahren. Da war ich 116 kg schwer, total aus der Übung und kaum in der Lage, mehr als 30 km am Stück zu fahren. Trotzdem hat mir mein Arsch nie weh getan. Denn meine Methode ist zwar nicht ganz Brooks kompatibel, beruht aber auf meinen langjährigen Erfahrungen mit Leder im allgemeinen. So sind meine Sättel nach allerspätestens 150 km genaustens an meinen Po angepasst.

    Sattel auf Sattelstütze schrauben. 100% gerade zum Boden ausrichten. Sattelstütze mit Sattel abmontieren. 1 Stunde den Sattel in 60 Grad heisse Seifenlauge einlegen. Den nassen Sattel aufs Rad montieren, Plastiksak darüber, damit der Po nicht nass wird, 30 km fahren. Jetzt hat der Sattel schon zu 80% deinen Hintern intus. Trocknen lassen. Unterseite des Sattels ganz dick mit Brooks Sattelfett einreiben. Obersiete ganz leicht einreiben. Trocknen lassen, ev. Obereite polieren. Weitere 3-4 Touren zu je ca. 30 km Fahren. Sattel nochmals ganz dick unten einschmieren und oben ganz dünn. Nach 1-2 Touren hat der Sattel nun mind. 95% deiner Anatomie angenommen und nie wird irgend was schmerzen.
    100 km mit Gel-Sattel, gepolsterten Hosen, auf vollgefedertem Carbon-Bike werden Dir nun mehr Schmerzen bereiten als 150 km mit ungepolsterten Wanderhosen, auf ungefedertem Fahrrad mit Stahlrahmen und einem so eingefahrenen Brooks Sattel. Garantiert.
    Meine Gel Sättel und meine gepolsterten Hosen habe ich liquidiert.
    Und ich bin kein junger, dynamischer Tip sondern ein einigermasser fiter, aber ziemlich übergewichtiger, älterer Herr.

    Übrigens, das mit dem Abfärben kann ich gar nicht bestätigen. Den Sattel, den ich jetzt vor kurzem eingefahren habe, den habe ich nur gekauft, um den sehr gut eingefahrenen schwarzen Sattel gegen einen hellen (Brooks honey) einzutauschen, da der schwarze Sattel mir wieder ein paar Hosen total zerstört hat, wei er abgefärbt hat (schwitzen auf einer langen Tour).

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